Live 8 - Ein Stück Zeitgeschichte
 

Manche nennen sie Weltverbesserer, ich nenne sie Menschen, die ihre Pflicht getan haben, denn wer sonst, außer Musiker, hätte so viele Menschen vereinen können. Musik war und wird immer auch politisch sein und wer dies bestreitet, der sei nur an die Friedensbewegungen gerade zu Zeiten des Vietnamkrieges erinnert. Auch heute muss dem Sterben ein Ende gesetzt werden, dem Sterben durch Armut!

Pünktlich zur Mittagszeit reißen die Wolken auf und die Sonne lacht. An der Siegessäule sind weite Teile abgesperrt auf denen sich neben der Bühne, Zelte und LKW’s tümmeln. Der Platz scheint nicht auszureichen , denn auch in den Nebenstraßen sieht man geparkte LKW’s und Tourbusse.  Aus allen Richtungen bewegen sich Gruppen von Menschen auf die Siegessäule zu. Es ist 12.30 Uhr und immer wieder versuchen sich Leute an den Menschenmassen vorbei in Richtung Bühne zu schieben. Dieses Unterfangen ist jedoch ziemlich aussichtslos, denn vor der Bühne ist auf  ca. 100 m Länge ein so genannter VIP-Bereich abgesperrt. Auch hinter der Absperrung stehen die Menschen dicht gedrängt.

Die Straße des 17.Junis ist in Abschnitte unterteilt in denen Lautsprecher und Videowände aufgestellt sind, diese jedoch äußerst sparsam. Auch rechts und links neben der Bühne befinden sich Videowände, die jedoch viel zu niedrig angebracht sind, um aus der Entfernung noch gesehen zu werden. Die Straße füllt sich zusehends, so weit das Auge reicht – Menschen. Und es ist keineswegs nur die Jugend vertreten. Nein! Vom Kleinkind bis zum Großvater, vom Punker bis zum „braven Schwiegersohn“ ist alles vertreten. Reißenden Absatz finden die T-Shirts mit dem Live 8 Symbol, die überall verkauft werden, ebenso wie die weißen Armbänder „Make Poverty History“. 

14.00 Uhr, die Veranstaltung beginnt. Campino von den „Toten Hosen“  erklärt “Das ist kein Rockkonzert, das ist eine Demonstration“. Wäre es ein Konzert gewesen, hätten die Besucher wohl auch ihr Eintrittsgeld zurück verlangt, aber so harren die Menschen geduldig aus. Und Geduld ist an diesem Tag noch jede Menge erforderlich. Die Berliner Musikacts können zwar auf den Videowänden verfolgt werden, aber der Ton ist erst mit 5 Sekunden Verspätung zu hören. Soll man nun mitklatschen wie das Bild oder wie der Ton es vorgibt?Aber viel ärgerlicher ist, dass der Ton bei den Interview- und Auslandsübertragungen während der Umbaupausen so leise ist, dass man kaum etwas verstehen kann.  Die Leute würden gern feiern, sich zur Musik bewegen, nur bedarf dies eine gewisse Lautstärke! Dabei wird sich wirklich bemüht, das Geschehen zu verfolgen.

Als Will Smith auf der Videowand erscheint und erklärt, dass alle drei Sekunden ein Kind stirbt und alle auffordert, auch Berlin, im 3 Sekundentakt mit den Fingern zu schnipsen, strecken alle ihre Arme in die Luft und schnipsen. Es ist schon ein irres Gefühl – Gänsehautfeeling – als dann noch Livebilder von allen Veranstaltungsorten mit schnipsenden Menschen zu sehen sind. Man fühlt sich als Teil eines großen Ganzen. So respektiert das Publikum auch alle Bands, auch wenn manche mehr und andere weniger die Stimmung anheizen, keiner wird ausgepfiffen. Alle sind aus dem gleichen Grund da und das ist gut so!

Der Abend zieht sich! Viel zu lange Umbaupausen lassen das Event heillos in Verzug kommen. Gegen 20.00 Uhr, dem eigentlichen Ende, lichten sich die Reihen etwas, aber das Gros harrt aus, denn erst ca. die Hälfte der Bands ist aufgetreten wie z.B. Die Toten Hosen, Söhne Mannheims, BAP, Audioslave, Green Day, Silbermond und Chris de Burgh. Erwartet werden noch z.B. Sasha, A-HA, Daniel Powter, Reamonn, Roxy Music und vor allem Herbert Grönemeyer. Außerdem, bei solch einer Veranstaltung bleibt man bis zum Schluss!


Als Mittermeier, mittlerweile schon heiser geworden, gegen 0.15 Herbert Grönemeyer anmoderiert, wird dann doch Unmut laut, denn  bei Grönemeyers Ansprache tendiert die Lautstärke mal wieder gegen Null. Von überall ertönen die Rufe „Lauter, Lauter“ und siehe da, es geht! Natürlich wird bei Grönemeyer lautstark mitgesungen und nach einer kurzen Pause gibt es auch noch eine Zugabe.


Dass danach noch Otto von Mittermeier als Betthupferl angekündigt wird, bekommt der überwiegende Teil schon nicht mehr mit. Als um 0.45 die Veranstaltung endgültig zu Ende ist, stehen die Kehrmaschinen schon bereit um die Straßen wieder zu räumen, auch damit am nächsten Tag um 10.00 Uhr „The Long Walk To Justice“ an der Siegessäule starten kann.


Als Fazit bleibt festzustellen, auch wenn die Organisation und Technik ein Armutszeugnis für den Veranstalter ist und man spätestens nach diesem anstrengenden Tag ahnt, wie man sich mit 80 Jahren fühlen muss, so war es doch ein ganz besonderer Tag, den man nie vergessen wird. Wie oft in seinem Leben schreibt man schon ein Stück Zeitgeschichte mit.

Heike Weiler  

 

                      

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